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Stimmt das? · Aus der Quellenwerkstatt

Eine Orgel, zwei Jahreszahlen

1837 war die Orgel fertig. 1838 wurde sie abgenommen. Bis dahin war alles in Ordnung. Schwierig wurde es erst, als beide Jahreszahlen in ein Feld passen sollten, über dem »Baujahr« stand.

Das Feld war klein. Die Wirklichkeit leider etwas ausführlicher.

Wer Orgeln zusammenträgt, findet zunächst erfreulich viel Material. Kirchen, Erbauer, Jahreszahlen, Register, Pfeifen. Menschen haben das alles bereits aufgeschrieben, teilweise sogar in Tabellen. Die Zivilisation ist vorbereitet.

Die Zivilisation hat allerdings mehrere Fassungen.

Bei der Orgel mit den zwei Jahreszahlen ließ sich die Sache auseinanderlegen. Fertigstellung und Abnahme bezeichneten verschiedene Ereignisse. Sobald beide wieder ihre Bedeutung bekamen, hörten sie auf, einander zu widersprechen. Man konnte den vermeintlichen Konflikt gewissenhaft markieren und anschließend mit seinem Warnhinweis fertig sein. Oder nachsehen, was die Zahlen überhaupt beschrieben.

Das zweite Verfahren war Arbeit.

Bei den Registern ging es weiter. Ein Register stellt eine bestimmte Klangfarbe bereit. Manche Züge waren für die tiefen und hohen Töne geteilt. Wer die Bedienelemente zusammenzählte, konnte sich zusätzliche Register beschaffen, ohne dass ein Orgelbauer dafür auch nur eine Pfeife anfassen musste. Die Orgel wuchs beim Abschreiben. Sehr effizient. Nur musikalisch blieb sie bei ihren 34 Registern.

Die schöne Tabelle hatte also eine Frage beantwortet. Man musste noch herausfinden, welche.

Beim nächsten Instrument standen mehrere Erbauerangaben nebeneinander. Einer hatte es gebaut, ein anderer den Auftrag und das Konzept geliefert, später war es restauriert worden. Für ein Herstellerfeld war das eine kleine Menschenansammlung. Eine Liste konnte alle unterbringen und dabei die wichtigste Information verlieren: wer eigentlich was getan hatte.

Erbauen, beauftragen, entwerfen, verändern, restaurieren. Fünf Verben. In einer hinreichend bequemen Datenbank passen sie alle unter einen Schrägstrich.

Bei der Pfeifenzahl wurde es nicht übersichtlicher. 1.110 nannte der Restaurierungsbericht, davon 630 original erhalten. Eine Sekundärquelle führte eine andere Gesamtzahl. Die Versuchung lag bereit: die häufigere Zahl nehmen, die größere nehmen, beide anbieten, irgendeine davon mit einem vorsichtigen Adverb versehen. Ungefähr war bei einem Instrument dieser Größe sowieso ein verständliches Gefühl.

Aber ein Gefühl hatte die Pfeifen nicht gezählt.

Der konkrete Restaurierungsbericht blieb der Beleg. Die Abweichung blieb als Recherchefrage erhalten. Es wurde keine Versöhnungszahl zwischen die Quellen gesetzt. Eine Orgel mit statistisch ausgehandelter Pfeifenzahl hätte vermutlich auch einen sehr ausgewogenen Klang gehabt.

Ein Museum brachte eine andere Art von Platzproblem mit. Zwei verschiedene Orgeln standen am selben Ort. Ein Standort konnte beide tragen. Ein zusammengeworfenes Profil hätte dagegen einem Instrument die Eigenschaften des anderen angezogen. Das passiert schnell, wenn die Adresse genauer geprüft wird als der Gegenstand, der dort steht.

Ein Bild konnte den Fehler noch verschönern. Am richtigen Ort aufgenommen, überzeugend beschriftet, technisch völlig in Ordnung. Bloß die andere Orgel. Der Beleg sah gut aus. Er belegte etwas anderes.

Auch die technischen Tabellen brauchten Gegenwehr. Werküberschriften konnten verrutscht sein, Summen von einer Bildunterschrift abweichen, ältere Zustände unter einer heutigen Webadresse weiterleben. Das Internet lagerte Vergangenheit erstaunlich gern in der Gegenwart. Ein Bericht über Schäden vor einer Restaurierung musste nur ohne sein Datum weitergereicht werden, und schon war das inzwischen bearbeitete Instrument wieder kaputt.

Dagegen half kein besonders strenger Ton. Man musste Bau und Restaurierung auseinanderhalten, die ursprüngliche Disposition mit dem späteren Zustand vergleichen, die Quelle an der einzelnen Angabe lassen. Ein Link am Seitenende war dafür ungefähr so hilfreich wie ein Werkstattzettel, auf dem als repariertes Bauteil »Auto« stand.

An den Bildern zeigte sich noch eine zweite Grenze. Die Herkunft eines Fotos ließ sich kennen, ohne es verwenden zu dürfen. Ein Copyrightzeichen mit Quellenangabe war rasch hingeschrieben. Es erteilte keine Nutzungsrechte. Für vier Bilder wurden deshalb die jeweiligen Lizenzen, Urheber und Bedingungen zugeordnet. Die übrigen wurden durch diesen Vorgang nicht automatisch frei.

Die Antwort auf solche Schwierigkeiten konnte natürlich »Noch nicht verifiziert« lauten. Der Satz hatte seinen Platz. Er durfte nur nicht die Recherche ersetzen. Eine fehlende Registerzahl blieb eine offene Frage mit einer Quelle, einem Gegenbeleg und einem nächsten Schritt. Ein Schild vor einem Loch machte aus dem Loch noch keinen Keller.

Die Recherche dieser Runde ergänzte acht Instrumente und 81 belegte Angaben. Vier Bilder bekamen ihre geprüften Nutzungsbedingungen. Der veröffentlichte Bestand lag danach bei 1.884 Instrumentprofilen an 1.855 Standortdatensätzen. Deutschland war damit weiterhin größer als die Liste.

Für die nächste Runde blieben weitere Instrumente und ein paar hartnäckige Fragen. Hinter einer Jahreszahl konnte eine Fertigstellung stecken, eine Abnahme oder eine Restaurierung. Das musste weiterhin einzeln geklärt werden.

Bei dieser Orgel durften es zwei Jahreszahlen bleiben.